…aber der Betrachter entscheidet!

Wow! Da geht ja mal eine mächtige Diskussion gerade durch die Netzgemeinde. Und ausnahmsweise gebe ich dazu meinen Senf auch noch ab!

Also angefangen hat alles mit dem Paddy von Neunzehn72, der hat mal wieder Stellung bezogen und klar und deutlich gesagt: Technik ist geil – wenn man sie bedienen kann. Recht hat er. 

Und jetzt hat der Boris vom Happy Shooting Podcast dazu auch seine Meinung abgegeben: Nein nein – der Fotograf mach das Bild. Recht hat er.

Und was sag’ ich nun so? Beide liegen richtig – und beide liegen kolossal falsch!

Ich kann mir teures Equipment kaufen und zu zig Workshops gehen. Ich kann mich durch den Feininger wühlen und Mante studieren. Ich kann alles über die formales Aspekte eines Bilder lernen, mich in serieller Fotografie üben, auf die Straße gehen und Menschen ansprechen und fotografieren. Ich kann mich stundenlang auf die Lauer legen um genau den Augenblick zu erwischen wenn der Yeti über die Straße latscht. All das kann ich machen. Und ich bekomme ein technisch perfektes Bild. Es wird scharf sein, hat den perfekten Weißabgleich und Belichtung, die Tiefenschärfe ist genau richtig, ich Rahme das Bild, lege es auf den Goldenen Schnitt und habe die sonstigen Regeln perfekt umgesetzt.

Und dann komme ich Heim und zeige es voller Stolz meiner Frau, meinen Kindern, der Familie, allen Leuten im Internet und die so: Boah. Gähn. Langweilig. Passiert ja nix. Buuuuhhh!!!

Was ist passiert?

Es ist schon korrekt, die tolle Kamera nimmt die Realität auf, und zwar 1:1, genau so wie sie da ist. Ungeschminkt. Und diese Realität wird beim Betrachter zu seiner Wirklichkeit. Und wenn der mit dem Bild nix anfangen kann, dann hilft mir Schärfe, Weißabgleich, Belichtung, Rahmen, führende Linien und und und alles nix – da kommt nix an.

Bildschirmfoto 2015 03 03 um 00 29 32

Also nicht die Kamera oder der Fotograf macht das Bild – der Betrachter sieht sein Bild. Basta. Und er wird es in seinem Kontext und seiner Wirklichkeit betrachten und bewerten. Und wenn der Betrachter sagt: „Doof“ – dann ist das Bild doof! Da kann ich erklären, Titel vergeben oder oder oder. Es wird doof bleiben. 

Also: Der Betrachter entscheidet ob ein Bild „gut“ ist. 

Wer da dazu mehr lernen möchte, dem empfehle ich die Grundlagen der Kommunikationslehre nach Schulz von Thun sowie die abgewandelte Variante von Zurmühle. Alternativ alle Folgen der Motivklingel anhören. 😉 

P.S.: Und der ganze Quatsch ist komplett obsolet wenn es um Bilder von Onkel, Tante, Vater, Mutter, Bruder, Schwester, Kind geht – für diese Motive gibt es weder Regeln noch die perfekte Schärfe. Sie dienen nur dazu, genau diesen Moment später wieder in Erinnerung zu holen und die Emotionen der Situation wieder zu beleben. Punkt.  

Ein Gedanke zu „…aber der Betrachter entscheidet!“

  1. Ich würde es ja andersrum sehen: Sowohl der Fotograf wie auch die Kamera können das Bild versauen. Gut machen können es nur beide zusammen 🙂
    (wobei der Fotograf, wenn er seine Kamera gut kennt, durchaus weiß welche Fotos sie versaut und welche nicht).

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